Dummheit Rassismus?
Bei Rassismus – und natürlich auch bei Antisemitismus – handelt es sich nach gängiger Meinung in Österreich um ein Bildungsproblem. Den Menschen, die in rassistischen Stereotypen denken, fehle es an der Fähigkeit differenziert zu denken, sie hätten ein zu geringes Wissen über die Komplexität der momentane Gesellschaft oder die österreichische Vergangenheit oder sie wären aufgrund ihrer Unbildung nicht in der Lage mit kultureller Vielfalt umzugehen. Die Ursache für den wachsenden Druck am Arbeitsmarkt und die drohende Arbeitslosigkeit suchen die bildungsfernen Schichten demzufolge lieber bei den MigrantInnen als im viel abstrakteren Wirtschaftssystem, wohingegen gut gebildete BürgerInnen die ihnen zur Verfügung stehenden Informationen besser und vorurteilsfreier verarbeiten. So weit zumindest der liberale Common Sense.
Antirassistische Initiativen werden demgemäß auf das Faktum der Bewusstseinsbildung reduziert. Aus diesem Blickwinkel scheint die einzige Strategie gegen Rassismus in langfristiger Aufklärungsarbeit zu liegen – unter Umständen noch mit wohlfahrtsstaatlichen Maßnahmen flankiert. So heißt es etwa im „10 Punkte – Aktionsplan der Europäischen Städtekoalition gegen Rassismus“, der auch die Stadt Wien angehört, dass die Bekämpfung des Rassismus durch Bildung und Erziehung zu erfolgen hat. Wüssten die Menschen mehr über die MigrantInnen und ihre Kulturen oder die Zeit des Nationalsozialismus, das rassistische Denken würde aus den Köpfen der Menschen verschwinden und nur einige unverbesserliche Starrköpfe würden weiterhin auf ihren einfältigen Projektionen beharren. Rassismus, eine Dummheit, über dessen Inhalt der gebildete Mensch nur schmunzeln kann.
Der Blick von oben
Dass diese Einschätzung letztendlich einen hierarchischen Blick von oben impliziert, ist kaum zu übersehen. Rassismus erscheint als Relikt aus vergangenen dunklen Zeiten, die vernünftigen Menschen des Einundzwanzigsten Jahrhunderts scheinen sich längst über diese Barbarei erhoben haben.
Dass sich dahinter eine – vielleicht unbewusste – Gleichsetzung von RassistInnen mit Abkömmlingen der unteren Klassen versteckt, wird in den hegemonialen antirassistischen Diskursen übergangen. Genauso wie ein ebenso vorhandener – und nicht weniger bedenklicher – Rassismus in intellektuellen und wohlhabenden Gruppen verleugnet wird.
Die fatale Konsequenz dieser Sichtweise liegt darin, dass Rassismus als ein unpolitisches Phänomen gefasst wird. Nahe gelegt wird dadurch, dass Rassismus von populistischen Parteien mit niederen politisch Zielen instrumentalisiert und mobilisiert wird, um Wahlen zu gewinnen, der Rassismus selbst, seine Strukturen, seine institutionellen Verankerungen und die Rolle der Staatsapparate werden hingegen nicht als politisches Kampffeld wahrgenommen. Antirassismus reduziert sich selbst auf eine Frage der Moral und büßt dadurch seinen politischen Charakter ein.
Systematische Ausblendung
Was diese Perspektive systematisch ausblendet, sind die gesellschaftlichen Faktoren des Rassismus. Ideologien sollten keinesfalls als passive Reflexe auf ökonomische, kulturelle oder staatliche Verhältnisse reduziert werden, sondern immer auch als einen aktiven Beitrag der Individuen verstanden werden. Im beschriebenen Fall wird vor allem die subjektive Seite in den Blick genommen und lediglich auf bildungspolitische und soziale Zusammenhänge verwiesen, wobei sämtliche andere (Mit)Ursachen gänzlich aus dem Blickfeld geraten.
Dem gegenüber hat etwa der französische Philosoph Michel Foucault in den 70er Jahren mit seinen Analysen (macht)politischer Strategien entscheidende Beiträge zum Verständnis des Rassismus geliefert. Moderne Machtverhältnisse sind Foucault zufolge dadurch gekennzeichnet, dass sie nicht mehr beschränken und verbieten, sondern aktiv darauf zielen bestimmte Handlungen herzustellen und zu fördern. Der moderne Staat unterscheidet sich vom feudalen Herrschafts- und Unterdrückungsapparat dadurch, dass er Menschen in erster Linie als Produktionsmittel betrachtet. Während sich die Macht feudaler Herrschaftsapparate im Recht, den Untertanen zu töten, gipfelte, zeichnen sich moderne Machtverhältnisse durch die Steigerung der menschlichen Fähigkeiten im Interesse bestimmter machttechnischer Erwägungen aus.
Um allerdings eine Linie zwischen jenen Gruppen, deren Arbeitsfähigkeit gesteigert werden soll und jenen Gruppen, die aus dem biopolitischen Bereich herausfallen, zu ziehen, bedarf es einer Zäsur: diese Funktion übernimmt der Rassismus in seinen verschiedensten Ausprägungen. Durch diese Verschiebung erscheint Rassismus nicht mehr als äußeres Übel, sondern als integraler Bestandteil moderner Staaten. Ein bildungspolitischer Ansatz muss demgegenüber blind bleiben.
Moralischer Antirassismus?
Die belgische Politikwissenschafterin Chantal Mouffe hat in ihrem Buch „Über das Politische“ die These aufgestellt, dass Moral immer dann in der Politik auftaucht, wenn politische Konflikte nicht mehr ausgetragen werden. Sind wir heute nicht genau mit dieser Situation konfrontiert? Inhaltliche Differenzen zwischen den Parteien verschwimmen, essentielle politische Debatten sind Mangelware und Politik verkommt zusehends zur Verwaltung des Staates. Lediglich in der Frage des Rassismus der FPÖ herrscht so etwas wie Leidenschaft in der Politik. Aber genau diese Leidenschaft, die sich ausschließlich in moralischen Argumentationsfiguren artikuliert, ist Symptom des politischen Zustandes und nicht mehr als die andere Seite der Medaille. So unpolitisch die gegenwärtige Politik ist, so unpolitisch ist auch die Debatte über den Rassismus der FPÖ: Sie ist längst zu einer Frage des Stils verkommen.
So lange Rassismus mit Unwissen gleichgesetzt wird, wird sich auch der Antirassismus vor seiner politischen Aufgabe drücken. Das Bedürfnis, Rassismus nicht als apolitische Dummheit wahrzunehmen, resultiert aus den blinden Flecken eben dieser Sichtweise.
Rassismus muss als Bestandteil staatlicher, ökonomischer und politischen Verhältnisse erkannt und Antirassismus in ein gesamtpolitisches Konzept eingeschrieben werden. Ob Arbeitslosigkeit als strukturelles Resultat des Kapitalismus, als Ergebnis einer unfähigen Regierung oder etwa als Folge von Migration symbolisiert wird, wird in erster Linie durch politische Auseinandersetzungen entschieden. Aufklärung und Bildung kann diese vielleicht unterstützen, aber bestimmt nicht ersetzen.
erschienen in Gezeit, Wien, Oktober 2009, S. 6- 8.