Pfaller: Über postmoderne Vernunft
Ein kurzer Rundblick über die Betätigungsfelder und Abwehrreflexe zeitgenössischer Rationalität scheint diesen Eindruck zu bestätigen: Die postmoderne Vernunft redet lieber über kulturelle Differenz als über Klassenantagonismen, lieber über Gender als über Sex, sie schwärmt von der Spontaneität und Kreativität wirkungslos bleibender politischer Initiativen, anstatt sich über Fragen und Methoden wirksamer Organisation den Kopf zu zerbrechen; sie vermeidet beflissen alles Spielerische und Zauberhafte in der Kunst und alles Unvorhergesehene in den Wissenschaften, anstatt sich zu fragen, was dadurch verloren geht. In ihrer Gesamterscheinung gleicht sie dem Wiener Grafen Bobby, der seine Geldbörse, die er hinter der Oper verloren hat, lieber vor der Oper sucht, weil es dort heller ist.
Robert Pfaller: Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft. Symptome der Gegenwartskultur, Frankfurt/Main, 2008, S. 27.
20. Dezember 2010 um 17:25
Mir sind Leute, wie Graf Bobby, lieber als solche, die sich über ‘wirksame Organisation’ den Kopf zerbrechen. Graf Bobby gehört aus meiner Sicht zu Menschen, die unerwartete Zusammenhänge im Blick haben und so spielerisch kreativ wirken. Statt beispielsweise die Antwort auf seine Frage, warum denn das Kind schreie: “Es kriegt Zähne.” mit der monotonen Antwort: “Armes Hascherl!” zu bedenken, meinte er: “Ja, will es denn keine?”
Ich bin mir ziemlich sicher, dass er sich was dabei gedacht hat, die Geldbörse im Hellen zu suchen. Eventuell etwas, das aus normaler Sicht unwichtig zu sein scheint, ihm aber wichtig ist.
Wie z.B. in folgender Geschichte:
Graf Bobby in der Kadettenschule.
Oberst: „Was ist die Hauptbedingung dafür, einen Soldaten mit allen militärischen Ehren zu begraben?“
Graf Bobby: „Er muss tot sein.“